Was ist Urteil?

Als ich, verspätet, mit 7 Jahren das erste mal dem Klassenunterricht der Klasse 1B an einer Grundschule in Deutschland beiwohne, werden kurze Zeit darauf meine, mit mir frisch aus der Ukraine übergesiedelten Eltern zur Lehrersprechstunde gebeten.

Was sie in ihrem gebrochenen Deutsch verstehen, ist besorgniserregend.

Urteil der Grundschullehrerin:
"Der kleine Michael kann kaum sprechen, beteiligt sich nicht am Unterricht und ich bin mir nicht sicher, was er wirklich aus dem Unterricht mitnimmt. Es wäre gut etwas zu unternehmen!"

Etwa ein Jahr später, gleiches Klassenzimmer, gleiche Klasse, gleiche Lehrersprechstunde und nicht weniger besorgniserregend.

Urteil der Grundschullehrerin:
"Michael schafft es keine 5 Minuten zu sitzen, ohne den Mund aufzumachen. Er spricht, ohne sich zu melden und nimmt während des Unterrichts Kontakt zu anderen Schüler:innen auf, ohne meine Erlaubnis! Das ist für mich als Lehrerin äußerst anstrengend und Sie als Eltern sollten da etwas unternehmen."

Da war ich also, mit gerade mal 8 Jahren, doppelt verurteilt. Zu wenig sprechen - nicht gut. Zu viel sprechen - noch schlimmer. Was blieb also mir und meinen Eltern übrig?

Ich habe das große Glück, keine übereifrigen/überbesorgten Eltern zu haben. Was sie nach den beiden Sprechstunden unternahmen? Nicht viel. Zum Glück! Denn ansonsten wäre ich jetzt mit meinen 30 Jahren nicht in der Lage fließend Russisch zu sprechen oder hätte (noch mehr) Hemmungen, mich Menschen mitzuteilen.

Meine Eltern ließen die Dinge geschehen. Sie hatten genug eigene Sorgen, weshalb sie sich die Sorgen der übereifrigen Lehrerin nicht zu eigen machten. Ich als Kind bekam natürlich mit, was über mich gesprochen wurde und zog meine Schlüsse daraus: Ich bin nicht genug und ich bin zu viel.

Kennst du auch? Autsch.

Das war der Anfang einer wenig glorreichen Schulzeit, die geprägt war von genau diesen beiden Urteilen - abwechselnd, gleichzeitig und in allen Formen und Farben, die Geometrie und Kunst boten.

Nun erscheint es einfach, das Urteil schlecht zu heißen - zu verbannen. Doch würden wir damit auch das Gute, Schöne und Rechtschaffene verbannen. Wir würden unsere Menschlichkeit, Subjektivität, zielgerichtete Wertschätzung und unseren Drang nach Verbesserung verbannen. Kurz gesagt: Dann verwandeln wir uns in Erleuchtete, Bäume, Steine oder andere weise, irdisch wenig handlungsmotivierte Wesen. Denn alles ist.

Mit Urteil doof, ohne Urteil doof... alles doof?

Die Antwort lautet: Es liegt bei dir.

Mit deiner Urteilsfähigkeit entscheidest du nämlich, wie du das, was deine Umwelt dir präsentiert, verbuchst. Das wichtigste und gleichzeitig herausforderndste hierbei ist, dass wir uns bewusst werden, dass wir urteilen.

Im Moment des Bewusstwerdens nämlich finden wir den Raum, der uns erlaubt zu entscheiden. Damit urteilen wir nicht aus Gewohnheit, gesellschaftlicher Konvention oder Irrglauben. In diesem Raum liegt die Magie, deine Wirklichkeit zu formen und Dinge, die du nicht verändern kann gut sein zu lassen. Dieser Raum gab Viktor Frankl die Möglichkeit als Inhaftierter des Konzentrationslagers in Ausschwitz inmitten des größtmöglichen Elends zu spiritueller Weisheit zu kommen und das Gute im Menschen zu erkennen.

Warum ist mir das so wichtig?

Unser Urteil ist unsere (gottgegebene) Stimme, welche Einfluss nimmt in der Welt. Durch unser Urteil sprechen wir Segen, Lob und Anerkennung aus. Oder aber wir tadeln, kritisieren und machen nieder. Das Urteil eines einzelnen, kann Massen in Bewegung setzen, wunder vollbringen oder Genozide auslösen. Wenn es also eine verbotene Frucht gab im himmlischen Garten, dann sicherlich die des menschlichen Urteils.

Die Fragen, die ich an dieser Stelle mit dir teilen mag, sind;

Was verurteilst du? Was darf nicht sein? Was ist böse, ungerecht oder gemein?

Das spannende ist, dass uns das Leben oft genau das präsentiert, was wir nicht wahr haben wollen und was wir ausschließen (vgl. R. Dahlke: Das Schattenprinzip). Doch wenn wir jenes ausschließen - wie wollen wir dann jemals ganz werden? Wie wollen wir in Richtung Einheit streben, wenn vorher nicht jeder seine abhanden gekommen Einzelteile aufsammelt und anerkennt? Das Böse, das Eklige, das Grausame und das Wahnsinnige, um ein paar dieser ungeliebten Kinder zu nennen.

Wir können unser Urteil darauf verwenden, die Welt wie sie gerade besteht dem Untergang zu weihen oder aber, den Status Quo als absolut notwendigen Schritt in die richtige Richtung zu sehen. Oder vielleicht sogar beides, je nach Tageszeit und Schlagzeile aus den Medien. 

Es liegt bei dir.

In ausweitender Liebe,
Dein Mischa

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Fotocredit: Yana Rendon.

Written by Mischa Levit

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