Bei den Awajún – Eine Begegnung im Bergdschungel Perus

Wie aus brachliegendem Pachtland wieder lebendiger Regenwald wird – und warum ein indigener Stamm im peruanischen Amazonas seine Souveränität in Kakao gefunden hat.


Der Moment der Übergabe: Die ersten Awajún-Kakao-Tafeln werden mit dem Stamm geteilt.

📖 Schon gelesen? Wir haben den Awajún-Kakao bereits hier vorgestellt:

👉 Awajun Kakao – Ein Neuzugang mit Geschichte
👉 Die Hüter des Waldes

Heute nehme ich euch mit auf die Reise, die diesem Kakao vorausging – persönlich, ehrlich, vom Buffet bis zum Tanz.

Eine Reise mit besonderem Ziel

Im März 2025 war ich mit dem ganzen Kakao Mischa Team auf unserer großen Kakaoreise durch Peru. Wir besuchten alte Bekannte – die Chuncho-Bauern, den Piura Blanco im Norden – aber auch ein Projekt, das es ohne Kakao Mischa in dieser Form noch gar nicht gäbe: die Awajún-Gemeinde in Alto Mayo, mitten im Bergdschungel.

Die Awajún sind einer der größten indigenen Stämme Perus. Über 55.000 Menschen, verteilt über die Regionen Amazonas, Loreto, Cajamarca und San Martín, sprechen ihre eigene Sprache und gehören zur Jívaro-Sprachfamilie. Sie sind bekannt für ihre tiefe Naturverbundenheit, ihre fierce Unabhängigkeit und ihren Widerstand gegen extraktive Industrien, die ihr Land bedrohen.

Ein Awajún-Bauer in einer der gemeinschaftlichen Baumschulen – dort wachsen nicht nur Kakaobäume, sondern bis zu 210 verschiedene Baumarten heran.

Vom Pachtland zum Mischwald

Die Geschichte, die uns Dante und später der Vorstand der Kakao-Kooperative erzählten, hat mich tief bewegt. Vor Jahren hatten viele Awajún-Familien ihr Land an Reis-, Ananas- und Papaya-Bauern verpachtet. Diese pflanzten Monokulturen, sprühten Pestizide, laugten den Boden aus. Jan von Original Beans nennt diese Landschaften treffend „Ananaswüsten".

Die ältere Generation hatte sich zum Teil damit abgefunden. Doch die Jüngeren – viele zwischen 20 und 30 Jahren – wollten das nicht hinnehmen. Sie spürten, dass der Schaden an ihrem Land auch ein Schaden an ihrer Kultur ist. Sie kündigten Pachtverträge, holten sich ihre Felder zurück – und standen dann vor der Frage: Was nun?

Sie probierten verschiedene Ernten aus. Doch entweder war die Nachfrage zu schwach, oder die Qualität nicht hoch genug. Erst die Zusammenarbeit mit Original Beans und uns von Kakao Mischa hat es möglich gemacht, das umzusetzen, was heute Realität ist: Ein kakaoreicher Agroforst, in dem die Kakaobäume gemeinsam mit Vanille, Heilpflanzen, Obstbäumen und ja, auch wieder einheimischen Wildtieren leben.


Reife Kakaoschoten der ICS-Sorten – die letzten echten Trinitario-Kakaos, perfekt angepasst an das schattige Dschungelklima.

Auf den Spuren des ältesten Kakaos der Welt

Bevor wir die Awajún erreichten, machten wir einen Zwischenstopp, der mich als Kakao-Mensch tief beeindruckt hat: Huaca Montegrande in Jaén.

Was viele nicht wissen: Der Ursprung des Kakaos liegt nicht in Mittelamerika, wie lange angenommen wurde, sondern im peruanisch-ecuadorianischen Amazonasbecken. In Montegrande, einem zeremoniellen Tempel im nördlichen Peru, wurden Keramik-Gefäße gefunden, in denen Kakao-Reste konserviert waren. Die Datierung: rund 5.300 Jahre alt – nach neueren Untersuchungen sogar bis zu 6.000 Jahre. Damit ist Huaca Montegrande der älteste bekannte Ort, an dem Menschen Kakao zeremoniell genutzt haben – älter als die Pyramiden von Ägypten.

Von dort fuhren wir noch einige Stunden weiter, tiefer in den Bergdschungel hinein, bis wir die Awajún erreichten.

Ankunft: Ein Buffet aus dem Wald

Wir wussten ehrlich gesagt nicht, was uns erwarten würde. Einige aus meinem Team sind Vegetarier:innen oder Veganer:innen – und die Awajún essen traditionell sehr gerne Fisch und auch Fleisch. Wie würde das Aufeinandertreffen werden?

Was uns dann erwartete, war ein überwältigendes Buffet. Aufgereiht auf großen Palmblättern: Kakao natürlich, aber auch andere Theobroma-Verwandte wie Cacao Sua, Macambo und Theobroma Mazuri, dazu Yuca, Maniok, geröstete Erdnüsse, Avocados, ein ganzer Berg an exotischen Früchten – vieles davon hatten wir noch nie zuvor gesehen, geschweige denn gegessen. Alles aus dem Wildwuchs des Awajún-Landes.

Empfang mit Wärme: Die Frauen der Gemeinde reichen uns frisch geöffnete Früchte direkt aus dem Wald.

Bananen, Papaya, Coco, exotische Hülsenfrüchte – alles aus dem agroforstlichen Wildwuchs der Awajún.

Beim Tauschen erster Worte fiel mir sofort auf, was für ein zurückhaltender, freundlicher und sanfter Stamm dies ist. Die Kinder bekommen viel Nähe und Liebe von ihren Müttern. Alles findet in einem ruhigen, gemäßigten Tonfall statt – nicht laut, nicht hektisch, sondern getragen von einer tiefen Sanftheit.

Die Begrüßung des Vorstands

Nach dem ersten Snack nahmen wir Platz, und der Vorstand der Kakao-Kooperative begrüßte uns offiziell. Was mich besonders berührt hat: Er sprach zuerst in seiner Muttersprache, in Awajún, und übersetzte dann ins Spanische. Er erklärte uns, wie wichtig es der Gemeinschaft ist, ihre Kultur und Tradition zu erhalten – und bedankte sich anschließend mit Worten, die ich nie vergessen werde:

„Mit dem Kakao bekommen wir die Souveränität über unser Land zurück."

Er erzählte uns vom Projekt, von der wachsenden Zahl der teilnehmenden Bauernfamilien, davon, wie viel Vertrauen es braucht, dass alle ihren Kakao zunächst an die Kooperative abgeben und erst nach Verkauf den vollen Anteil bekommen. Und er sagte, wie dankbar sie sind, in uns einen festen, langfristigen Abnehmer für ihren hochwertigen Kakao gefunden zu haben.

Der Vorstand der Awajún-Kooperative in seiner traditionellen Federtracht.

Mein wichtigstes Ritual

Dann hatte auch ich die Gelegenheit, mich zu bedanken – im Namen von Kakao Mischa, im Namen aller, die unseren Kakao trinken. Und ich tat etwas, was für mich seit Jahren ein wichtiges, fast heiliges Ritual ist:

Ich übergab dem Stamm die allerersten Tafeln des Awajún-Kakaos, die wir produziert hatten. Bevor dieser Kakao in die Welt geht, bevor irgendjemand in Deutschland davon trinkt, sollen die Bauern und Bäuerinnen, die ihn angebaut haben, ihn als Erste in der Hand halten.


Ein Handschlag, der ein Versprechen besiegelt: langfristige Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Eine junge Awajún-Familie nimmt die ersten Tafeln in Augenschein – mit ihren eigenen Bohnen, in Deutschland gegossen, zurück nach Hause gebracht.

Tanz im Bergdschungel

Anschließend wurden wir nach draußen gebeten. Einige der jungen Stammesangehörigen hatten sich in traditionelle Tracht gekleidet und führten in der prallen Mittagshitze einen Tanz für uns auf – einen Tanz, wie ihn ihre Vorfahren wahrscheinlich schon vor Tausenden Jahren getanzt haben.


Junge Awajún in traditioneller Tracht – eine Kultur, die ihre Wurzeln nicht vergessen hat.

Und dann luden sie uns ein, mitzutanzen. Nicht lang konnten wir uns dem entziehen – und ich werde diesen Moment so schnell nicht vergessen. Es war eine Begegnung, die uns hat erfahren lassen, wie es sich anfühlt, Teil eines Stammes zu sein. Wie es ist, willkommen geheißen zu werden, als wäre man Familie.

Tanz im Dschungel: Eingeladen wie ein Familienmitglied.

Verkostung: Wenn der Bauer den ersten Schluck nimmt

Den Abschluss unseres offiziellen Programms bildete die gemeinsame Verkostung. Verschiedene Proben des Awajún-Kakaos waren bereitgestellt, und gemeinsam mit Jan von Original Beans hatte ich die Gelegenheit, sie zu probieren – und meinen semi-professionellen Senf dazuzugeben.


Verkostung gemeinsam mit Jan Schubert von Original Beans (links): Welche Note überwiegt? Wie wirkt der Kakao?

Was uns dabei begegnete, war ein Kakao, wie ich ihn so noch nie getrunken hatte:

  • Sanft und blumig in der Nase
  • Leicht fruchtig mit zarten Zitrusnoten
  • Kaum sauer, kaum bitter – stattdessen weich und einhüllend
  • In der Wirkung erhebend, sanft und zuversichtlich – nicht so kraftvoll wie der Chuncho, nicht so erdig wie manch anderer Wildwuchs-Kakao, sondern liebevoll verbindend

Wer den Kakao probiert, schmeckt die Hingabe, mit der er angebaut wurde. Es ist ein Kakao für alle, die mit zeremoniellem Kakao starten oder einen Kakao suchen, der das Herz öffnet, ohne zu überwältigen.

Ein Spaziergang durch den lebendigen Wald

Bevor wir uns auf den Rückweg machten, besuchten wir gemeinsam die Kakaowälder. Und das war der Moment, in dem mir wirklich klar wurde, was hier passiert ist:

Diese Flächen waren einmal heruntergewirtschaftete Pachtfelder. Tot, ausgelaugt, in Monokulturen verloren. Heute geht man durch sie hindurch und hat das Gefühl, in einem ursprünglichen Regenwald zu stehen. Kakaobäume, dazwischen Vanille rankend, dazwischen Schattenbäume, dazwischen das Zwitschern von Vögeln und das Rascheln von Insekten. Es ist kaum noch vorstellbar, dass das einst Brachland war.


Im Gespräch über die Zukunft des Projekts – viele junge Awajún sind die treibende Kraft hinter dem Wandel.

Wir besuchten auch eine Baumschule, die mit Hilfe unseres Kakao Mischa Impact Funds gebaut werden konnte. Hier wachsen die nächsten Generationen von Kakaobäumen heran – aber eben nicht nur Kakao. Bis zu 210 verschiedene Baumarten, darunter Heilpflanzen, Obstbäume und Vanille. Und mit jedem Setzling, der eingepflanzt wird, wird ein Stück Regenwald zurückgewonnen.

Im Großen geht es um über 100.000 Hektar Wald im Alto-Mayo-Gebiet, die durch das Awajún-Kakao-Projekt langfristig geschützt werden können.

Was bleibt

Wir schlossen den Tag mit einem köstlichen gemeinsamen Essen ab, bevor wir uns schweren Herzens verabschiedeten. Und während wir den Berg hinunterfuhren, war ich tief erfüllt.


Familie für einen Tag: Das Kakao Mischa Team mit Awajún-Bauern und ihren Familien.

Ich bin unglaublich dankbar, mit so einem feinen Stamm und so einem besonderen Kakao zusammenarbeiten zu dürfen. Die Awajún sind Menschen von großer Güte, Natürlichkeit und Wärme. Sie wollen ihre Kultur erhalten und gleichzeitig in der modernen Welt eigenständig bestehen – und sie haben einen Weg gefunden, beides zu vereinen: durch nachhaltige Agroforstsysteme, durch biologischen Anbau, durch Gemeinschaft und durch die uralte Pflanze, die uns alle verbindet.

Wenn du das nächste Mal eine Tasse Awajún-Kakao trinkst, dann denk daran: Du trinkst nicht nur einen Kakao. Du trinkst Souveränität. Du trinkst Wiederaufforstung. Du trinkst indigenen Stolz und das Versprechen einer jungen Generation an ihre Vorfahren.

Vom Bergdschungel in deine Tasse: Der fertige Awajun Kakao – jetzt im Sortiment von Kakao Mischa.

Probiere den Awajún Kakao

Sanft, blumig, mit feinen Zitrusnoten. Ein Kakao, der das Herz öffnet, ohne zu überwältigen – ideal für Einsteiger:innen in die Welt des zeremoniellen Kakaos und für alle, die einen liebevollen Begleiter im Alltag suchen.

👉 Hier geht's zum Awajún Kakao

Mit jedem Kauf unterstützt du direkt die Awajún-Gemeinschaft, die Wiederaufforstung von über 100.000 Hektar Regenwald – und die Souveränität eines stolzen indigenen Volkes.

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