Unser Besuch in Esmeraldas, Ecuador

Es war kein einfacher Entschluss, kurz vor Weihnachten die Reise anzutreten zu den entlegenen Kakao Plantagen der Chachi Indianer aus Esmeraldas, Ecuador.

Auch wenn mir klar war, dass das eine komplizierte und teure Anreise bedeutet, so hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung, was entlegen wirklich beudetet.

Anreise nach Ecuador

Angefangen mit zwei Flügen innerhalb Südamerikas bis nach Guayaquil, Ecuador, wurden wir von Jan von Original Beans und seinem Kakao-Techniker abgeholt und erstmal mit einem Allrad-Jeep eine Tagesreise in den Norden befördert. Entlang der Küste und ohne wirkliche Pausen machten wir uns auf den Weg in Richtung Urwald.

Zwei Destinationen sollten es sein, denen wir einen Besuch abstatten, um den Bauern für ihre Arbeit zu danken und Geschenke zum Weihnachtsfest zu überbringen.

Zwei verschiedene Siedlungen, welche die äußerst seltene Gattung der in Südamerika nativen Ursorte Arriba Nacional beheimaten.

Bis heute frage ich mich, wie Original Beans in den Tiefen des Urwaldes genau diese beiden Siedlungspunkte ausfindig machen konnte und ihnen dann auch noch verhalf, die komplexe Infrastruktur für ihren Kakao aufzubauen.

Komplex, weil die Siedlungen zwar die perfekte Vegetation für ihren Kakao bieten, nicht jedoch für dessen Trocknung und Selektionieren.

Komplex auch, weil die Siedlungen ausschließlich durch eine Kombination aus verschiedenen Fahrzeugarten (Allrad-Fahrzeug, Boot, Fußmarsch) zu erreichen sind.

Mit dem Boot flussaufwärts

So machten wir uns also vor Morgengrauen auf den Weg, um mit dem Jeep noch am Vormittag die Ablegestelle für das schmale Boot zu erreichen, welches uns insgesamt 2,5 Stunden Fluss-Aufwärts befördern wird - wenn wir Glück haben und das Wetter es zulässt.

Bepackt mit Setzlingen von Nutzbäumen wie Zimt, sowie Geschenken für die Bauernfamilien und ihre Kinder durchpflügten wir den tropischen Fluss. Das Boot war so vollbepackt, dass die ein oder andere Welle hineinschwappte. Für die gelegentlichen Regenschauer wappneten wir uns mit Planen, die wir uns überzogen wie Kuscheldecken.

Ankommen im Urwald

Die Ankunft bei der ersten Siedlung war ebenso herzlich, wie herausfordernd. Durch die zahllosen Regenfälle der Region ist der Urwaldboden, und so auch die Anlegestelle, reinster Matsch. Kein Wunder also, dass die Bewohner seit je her ihre Häuser auf Stelzen bauen.

Mit helfenden Händen, rutschenden Gummistiefeln und viel Gekicher und Gekrächze halfen uns die Männer des Dorfes, vom Boot hinauf in die Siedlung.

Speziell zu unserer Ankunft gab es ein Essen mit eigens dafür gejagten Wasserschwein, genannt Wante. Dieser rituelle Anlass ließ auch mich wieder dazu verleiten, totes Tier zu essen. Aus Wertschätzung und Anerkennung dieser Gemeinschaft gegenüber.

Anschließend gingen wir über zu den lang ersehnten Geschenken für die Bauernfamilien der ersten Siedlung.

"Die beiden Siedlungen sind so unterschiedlich, man glaubt kaum, dass sie aus der gleichen Region stammen" sagte Jan zu mir.

Die Menschen der ersten Siedlung nämlich entpuppten sich als höflich, reserviert und ruhig.

Dankbar nahmen sie die, aus ihren Kakao hergestellte vegane Milchschokolade entgegen. Ein wunderschönes Symbol der Wertschätzung, was tatsächlich viel mehr widerspiegelt, als nur ein edles Schokoladengeschenk.

Durch die Zusammenarbeit mit Original Beans gelingt es diesen, rein ökologisch arbeitenden Bauern ein stabiles und ansehnliches Einkommen zu erwirtschaften, welches das ganze Dorf unterstützt, absichert und ihren Kindern Möglichkeiten schenkt, welche ihre Eltern niemals hatten.

Neben Schokolade erhielten die Bauern auch Jan's berühmten, selbstgemachten veganen Lebkuchen sowie seine selbstgezauberte Schokocreme. Dazu noch T-Shirts und Turnbeutel von Original Beans.

Besiegelt wurde die Wertschätzung durch Händeschütteln und gemeinsame Fotos.

Den Nachmittag nutzten wir, um einen Spaziergang zu machen zu einer bemerkenswerten Kakao Farm.

Spaziergang, weil er sich als langwieriger Marsch durch knietiefen Schlamm entpuppt hat, der nicht nur einmal meine Gummistiefel und die von Anka schluckte.

Zum Glück fanden wir hin und wieder Stärkung durch das süße Fruchtfleisch von reifen Kakaofrüchten sowie durch frei wachsendes Zuckerrohr, welches uns mit wenigen Machetenhieben zurechtgesesenst wurde.

Was an dieser Farm besonders war, verstehe ich bis heute nicht, doch der Marsch zeigte mir, in welchem Terrain die Bauern ihr Werk verrichten. Und das mit Kakaosäcken von über 60 Kilogramm auf den Schultern.

Die Rückfahrt flussabwärts verlief ohne Komplikationen und weitaus schneller.

Da uns am nächsten Tag die zweite Siedlung erwartete, blieb nichts anderes übrig, als nach Ankunft im Hotel tot in's Bett zu fallen.

Aufbruch zu den Chachi

Wieder vor Morgengrauen, doch diesmal steigen wir in's Auto und bereiten uns vor für eine längere Fahrt.

Über eine Stunde bis zum Dorf. Und von dort?

"No se sabe", heißt: Weiß man nicht.

Die Strecke durch den Dschungel ist gezeichnet von Gräben, so groß wie PKWs und sich stetig vollziehenden Erdrutschen. Im Dorf angekommen kauften wir Süßigkeiten für die Kinder der Siedlung und machten uns auf den Weg.

Eine unvergessliche Autofahrt sollte es werden, auf der wir noch ca. 20 Männer aus der Gegend auf der Ladefläche mitnahmen.

Wir fuhren durch Pfützen, welche bis zum Beifahrerfenster reichten, rutschten mit dem Auto Hänge hinab und wurden auf dem Rücksitz rumgeschleudert wie auf dem Jahrmarkt. Das Auto röhrte und jeder Abhang bot die neue Chance, ein für alle mal stecken zu bleiben.

Der plötzlich einsetzende Starkregen bot eine dramatische Geräuschkulisse, die jede Konversation unmöglich machte.

Vielleicht waren es 1,5 Stunden, oder auch 3. Die Intensität der Fahrt macht die Zeitrechnung sehr wage.

Irgendwann jedoch fanden wir uns auf einem matschigen Hügel wieder, welcher sich als Anlegestelle entpuppte.

Ein paar Männer in Gummistiefeln halfen uns, unsere Geschenke und Gepäckstücke zum, im Regen wartenden Boot zu schaffen.

Grazil, wie Elefanten auf der Schlittschuhbahn, rutschten wir den Hang hinab und hinein in die Nussschale.

Ehe wir uns versahen, setzten wir die Reise fort auf einem Fluss. Nur noch zwei Stunden so hieß es.

An der Siedlung angekommen, herrschte diesmal ein anderer Empfang. Scharen von Kindern tummelten sich an der Anlegestelle. Sie riefen, winkten, hüpften und klatschten.

Jan hatte erwähnt, es gäbe bemerkenswert viele Kinder in diesem Dorf, doch von Scharen derer hat er nicht gesprochen.

Wir machten uns hinauf in das Dorf, um direkt einzukehrern bei Ritter. Und das ist tatsächlich sein Name. Wir verkniffen es uns zu fragen, wie er zu diesem gekommen ist.

Ritter hatte sein Glück als Sänger in der Hauptstadt Quito versucht und dort festgestellt, dass seine Zukunft in Esmeraldas liegt. In seiner Heimatsiedlung.

Hier agiert er als Projektmanager, Ansprechpartner und Übersetzer (denn die Chachi sprechen nicht alle fließend spanisch).

Mit Ritter machten wir uns auf den Weg, einige der Kakaobauern zu besuchen und ihre Baumlandschaft zu begutachten und sogar einen Wasserfall zu erkunden. Er erwies sich als unglaublich ehrlicher, authentischer und hilfsbereiter Mensch mit indigenen Wurzeln.

Am Nachmittag war eine Dorfversammlung angesetzt, bei welcher alle kooperierenden Bauern anwesend waren, so wie ihre Frauen und viele, viele Kinder.

Anlässlich der großen Versammlung kochte Ritter's Frau einen großen Topf Kakao. Bestimmt 15 Liter. Auf Basis ihrer heimischen Kakaomasse, welche auch du bald in den Händen halten könntest. ;)

Dieser wurde aufgeteilt in zwei handelsübliche Eimer mit einem Messbecher zum ausschenken.

Obwohl wir unsere Zuckervorliebe (am liebsten keinen) erwähnten, dürfte ein halbes Kilo der kristallinen Süße ihren Weg in den Kakao gefunden haben. Zur Freude der Einheimischen.

Parallel dazu machten sich Jan, Anka und Misch daran, die Süßigkeiten für die Kinder in kleine Tütchen abzupacken. Allerlei ungesundes Zeug, wozu die Kids sonst keinen Zugang haben, durften wir ihnen überreichen.

Natürlich bekamen die allgegenwärtigen Kinder Wind von der Süßigkeitenaktion und ehe wir uns versahen, hatten wir Gesellschaft von einem Mädchen, das ganz entschlossen mithalf, um an vorderster Süßfront zu sein und in unserer Gegenwart. Später sollte sie uns nicht von der Stelle weichen...

Mit einem Plastikbottich voller Süßkram und zwei Plastikeimern voller Kakao machten wir uns auf zum Versammlungsplatz, welcher auch gleichzeitig der Sportplatz war. Dort stellten wir uns in einer Reihe auf und bekamen abwechselnd das Wort.

Zunächst Ritter, der ein paar einleitende Worte zu unserem Besuch gab, dann unser Techniker, welcher auf die Ergebnisse der Saison sowie Verbesserungspotenziale einging und dann Jan, welcher Original Beans und damit Europa für die Bauern repräsentierte.

Als Jan mit seinen Worten fertig war, drehte er sich zu mir um und flüsterte:
"Es wäre gut, wenn du auch noch ein paar Worte sagst, so als Schokoladenmacher und so..."

Verständnisvoll trat ich zwei Schritte nach vorne und stellte mich als letzter in dieser Wertschätzungskette vor. In meinem, nicht fehlerfreien Spanisch hob ich den Wert der Arbeit der einzelnen Bauern hervor, speziell die ökologischen Aspekte ihrer Landwirtschaft und nicht zuletzt die hervorragende Qualität ihrer Bohnen.

Beim Sprechen verstand ich, dass ich nicht nur als zufällig hierher-geratener Gringo vor ihnen stand, sondern als Tor zu der zivilisierten Welt, von der manche der Bauern oder ihre Kinder träumten.

Für mich war dies ein Schlüsselmoment, weil ich begriff, dass es essenziell ist, den Menschen der Entwicklungsnationen ihren einzigartigen Wert zuzugestehen.

Wichtiger, als sie mit Spenden zu überhäufen, ist es, anzuerkennen, dass diese Männer und Frauen ihren Beitrag leisten zu einer zukunftsfähigen Welt, wie wir sie uns alle wünschen.

Nach den geschwungenen Reden wurde Kakao ausgeschenkt, Geschenke verteilt und gelacht, getanzt und gespielt, bis wir schließlich in unsere reservierte Hängematte stiegen, um zu schlafen.

Ein Teil der Nacht verbrachten Anka und ich in einer Hängematte, bis es ungemütlich wurde und ich mir meine eigene suchte.

Am nächsten Morgen machten wir uns nach einem einfachen Frühstück auf zum Bootsteig, dicht gefolgt von Kindern, Hühnern und Hunden. 

Vorher wollte ich noch das ebenfalls auf Stelzen gebaute Klohaus besuchen, wo mir das Unmögliche gelang. Im Stehen pinkelnd brach einer meiner Füße durch den morschen Holzboden und ich fand mich, verschlafen, wie ich war, in einer äußerst prekären Situation wieder. Mit einem Bein unter Boden, offener Hose und benutztem Klopapier um mich rum, griff ich nach der Holzkiste, welche das Klo darstellte und zog mich nach oben.

"Ist was, Schatz? Du siehst etwas verschoben aus." sagte Anka zu mir, als ich wiederkam. Nicht nur sie schien das bemerkt zu haben, denn auch der Rest unseres Teams musterte mich besorgt.

"Todo bien" sagte ich, blickte betreten zu Boden und wusch mir nochmal sorgfältig die Hände, bevor wir unser langes, schmales Boot bestiegen, davonratterten und der Dorfbevölkerung winkten.

Das war der Besuch bei diesen beiden liebenswürdigen Siedlungen, mit ebenso liebenswürdigen wie eindrucksvollen Geschichten. All diese Geschichten und mehr trägt unser Esmeraldas Kakao in sich. 

Und wenn Du genau hinhörst, kannst auch du ihnen lauschen.

verfasst von Mischa Levit

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